Liebe Kinder gebt fein acht, ich hab euch etwas mitgebracht …

Narwin, der Sandmann, begab sich vorsichtig durch das gekippte Fenster in das Schlafzimmer, um kein auffälliges Geräusch zu machen. Denn auch wenn er für die meisten Menschen unsichtbar war, so war es dennoch gefährlich, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Schließlich konnte ein Mensch ihn – auch unbeabsichtigt – durch einen kleinen Stoß toeten. Ein kleiner Sandmann wie er lebte durchaus nicht ungefährlich. Doch es war schließlich sein Job, die Menschen zum Einschlafen zu bringen. Wenn ihm nur mehr Zeit zur Verfügung gestanden hätte. ‚Die Menschen vermehren sich viel zu schnell‘ dachte Narwin bei sich, ’schließlich sind wir Sandmänner keine Zauberer und vermehren können wir uns erst recht nicht!‘

In letzter Zeit war es immer häufiger vorgekommen, daß Narwin seine Arbeit schlampig oder gar nicht getan hatte. Doch das störte bei der Sandmann-Organisation niemanden. Tatsächlich waren alle Sandmänner bis aufs Letzte ausgelastet.

Langsam schlich sich Narwin näher an das Bett in der dunkelsten Ecke des Zimmers heran. Ein leises Geräusch war zu vernehmen, als sich etwas in dem Bett auf die andere Seite wälzte.

Immer noch auf die Menschen wütend und mit seiner Arbeit nicht mehr sehr zufrieden, hüpfte das koboldhafte Wesen durch die Kleidungsstücke, die auf dem Boden verstreut waren und stolperte, als seine kleinen Füßchen sich in einem Knopfloch eines weißen Hemdes verfingen.

Im Fall glitt dem kleinen Sandmann sein Säckchen aus den Händen und öffnete sich. Lautlos in sich hineinfluchend sah er sich die Misere an. Mindestens ein Drittel des Inhaltes aus dem Säckchen hatte sich auf dem Boden verstreut, Sand, der mindestens noch für fünfzig Menschen gereicht hätte.

Im Bett regte sich etwas.

Narwin befreite sich gerade aus dem Knopfloch, als ein riesiger Fuß ihn nur knapp verfehlte. Der Sandmann fiel auf den Rücken. Eine Hand griff nach dem Hemd, an dem Narwin noch immer hing. Das Säckchen, das noch mehr als zur Hälfte mit Sand gefüllt war, fiel zu Boden. Den soeben aufgestandenen Menschen umhüllte eine Wolke aus feinem Sand und schon lag die Gestalt wieder – diesmal am Boden.

Glücklicherweise war sie nicht auf Narwin gefallen und so konnte sich der kleine Wicht nun endlich aus dem Hemd befreien.

„Ha! Das hast du nun davon, Blödhammel!“ fluchte Narwin und stampfte auf den Boden. Nun hatte er wenigstens Zeit, noch etwas von dem Sand zu retten. Er nahm sein Säckchen und begann mit einer mühsamen Arbeit. Einige Menschen würden heute wohl etwas später einschlafen.
„Naja, was soll’s, kümmert sich ja keiner drum!“ murmelte Narwin bei diesen Gedanken.

Nach getaner Aufräumarbeit begab sich Narwin aus dem Fenster, zurück zu seiner ursprünglichen Arbeit. Ab sofort würde er jedes Hindernis umgehen, um nicht wieder zu stolpern.

Auf seinem Weg zu seinem nächsten ‚Klienten‘ begegnete ihm Triffel, ein weiterer Sandmann, mindestens so wütend dreinschauend wie Narwin selbst.

Narwin grüßte Triffel, dieser erwiderte den Gruß mürrisch.

„Ich geb’s auf, ich leg meinen Job ab, diese barbarischen, plumpen Menschen sind es nicht wert …“ schimpfte Triffel seinen Zorn aus dem Bauch. Narwin nickte stumm.

„Was bilden die sich eigentlich ein? So selbstverständlich ist das nicht, daß wir ihnen helfen, einzuschlafen! Sollen sie doch sehen, wie sie in ihrem Streß überhaupt noch zum Schlafen kommen! Sollen sie doch alle im Bett verschimmeln! Ich mach mir ein schönes Leben in den Wäldern, solange es sie noch gibt! Und dann zieh ich um auf einen anderen Planeten! Das ist ja nicht auszuhalten …“

Als Triffel die Puste ausging, nutzte Narwin die Gelegenheit und verabschiedete sich, um sich wieder an die Arbeit zu machen.

Doch die Worte von Triffel gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Zwei Nächte später hatte auch er die Nase voll und verschwand im Wald.

Ihm folgten weitere Sandmänner und wer weiß, vielleicht sind inzwischen alle im Wald verschwunden und machen sich ein gemütlicheres Leben.

Auf Wiedersehn und schlaft recht schön!

 

Die Geschichte vom Wabbel

Langsam glitt Glibber an der Wand hinab. „Jetzt ist es soweit…“ dachte er. Stein für Stein, Zentimeter für Zentimeter tastete er sich voran, um langsam seinem Ziel naeherzukommen. Jede Ritze wurde ausgenutzt, jeder Spalt berührt.
Sabber seufzte. „NEIN! Nicht schon wieder!“

– Ploff –

Am Boden lag Sabber, in seine Einzelteile zersplotzt. Glibber glitt weiter hinab.
Wabbel sah sich noch einmal um nach seinem ehemaligen Zuhause. Eigentlich hatte er es doch immer gut gehabt. Warum hatte er sein trautes Heim verlassen und sich auf eine solch waghalsige Tour ein- gelassen? Nun war es zu spät. Es gab kein zurück mehr … Unter ihm lag Sabber und er war nicht mehr wiederzuerkennen. Schlonz und Glibber lagen Nase an Nase im Wettrennen. Wabbel hatte durch seinen Blick zurück einige Zentimeter verloren und versuchte nun aufzuholen.
Schlonz stolperte über einen herausstehenden Nagel und teilte sich in der Mitte in Schlotz und Schlunz. Glibber hatte nunmehr die Führung übernommen und war am Fensterrahmen angekommen. Hier wurde es nun noch gefährlicher durch die überhängende Stelle und den schlechteren Halt auf dem lackierten Holz.
Sabber lag noch immer reglos am Boden …
Keiner getraute sich, hinunterzuschaün. Der Anblick war grausam.
Nun erreichten auch Wabbel, Schlotz und Schlunz die Fensterscheibe und rutschten mit rasendem Tempo dem Fensterbrett entgegen …
Wabbel hielt sich die Augen zu … „AAAAAAaaaaa…“

– Flotsch –

– Tropf –

Als Wabbel die Augen öffnete, sah er, daß er das Fensterbrett überwunden hatte. Glibber und Schlotz waren immer noch vor ihm, doch Schlunz hatte scheinbar den Sprung nicht geschafft …
Wabbel versuchte aufzuholen und erreichte Schlotz. Schlotz schwenkte erschreckt zur Seite und traf dabei auf die Steckdose …

– Zisch –

Es roch nach verschmorten Leitungen, als Wabbel weiter nach unten sauste …
Nun waren nur noch er und Glibber im Rennen.
Langsam kamen sie dem Boden näher und konnten nun schon das Muster im Teppich erkennen.
Wabbel hatte schon die Hälfte seines Gewichtes eingebüßt. Glibber war auch schon ziemlich geschrumpft, doch noch um einiges größer als der jüngere Wabbel.
Noch zehn Zentimeter trennte Wabbel vor seiner Niederlage, die er schon vor Augen sah. Doch in diesem Moment spürte Wabbel unter sich Metall.

– Sweeze –

Wabbel landete auf dem flauschig weichen Teppich und konnte einen Freudenschrei nicht unterdrücken. Glibber erreichte den Teppich kurze Zeit später und brummelte, da Wabbel ihn durch das Metallbrett überholt hatte. Langsam sog der Teppich die beiden auf und Wabbel wurde es Angst und Bange. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Langsam versickerte er in den Woll- fasern und es blieb nur ein grünlicher Fleck im Teppich von ihm zurück.

Marc Jantiff Hermann, 27.01.1994, Spontangeschichte, die im Laufe ihrer Niederschrift aus einem kranken Gehirn entsprang.